Die Rudolf und Clara Kreutzer-Stiftung

Rudolf und Clara Kreutzer dachten und handelten weit über ihre Zeit hinaus. Ihre 1950 errichtete Stiftung zugunsten der mit dem Rudolf Steiner–Schulwesen verfolgten Reform und Erneuerung des Erziehungswesens und seit 1965 der anthroposophisch orientierten Wissenschaft ist ihr Vermächtnis, die Frucht eines Lebens voller Dynamik, Energie, Ideenreichtum und Tatkraft.

Hauptziel der Stifter war es, die laufende Förderung von Erziehung und Bildung durch die Wirtschaft institutionell zu verankern und zugleich das Privateigentum am Geschäftskapital, an den Produktionsmitteln ihres Unternehmens zu „neutralisieren“. Die Intentionen der Stifter können auch in der heutigen Zeit, in der Führungskräfte zunehmend die Ganzheit des Unternehmens aus Mensch, Produktion, Produktionsmitteln und Kapital aus den Augen verlieren, als leuchtendes Beispiel dienen.

Rudolf Kreutzer (1887–1976)

Rudolf Kreutzer wurde am Pfingstsonntag 1887 als zweites von 8 Kindern des Bleistiftfabrikanten Ludwig Kreutzer in Nürnberg geboren. Der Vater hatte 1880 die Nürnberger „Bleistiftfabrik“ J.S. Staedtler gekauft, in die Rudolf 1905 eintrat. 1911 übernahm er bereits die Aufgaben eines mitverantwortlichen Teilhabers der Fabrik. Unter seiner Leitung kam es zur Gestaltung eines klaren, an hoher Qualität orientierten Programms. Seine Reisen nach Asien und Nordamerika führten zum Ausbau eines weltweiten Handelsnetzes. Er führte das Unternehmen und die Marke Staedtler zur heutigen Weltgeltung.

Seine Frau Clara war ihm „eine verständnisvolle und immer wieder inspirierende Lebensgefährtin.“ Über seine Beziehung zu ihr schrieb er: „Sie hat mir den Weg zur Anthroposophie geöffnet und damit meine seelisch–geistige Haltung und damit auch meine soziale Einstellung entscheidend beeinflusst“. Bemerkenswert ist seine Selbsterkenntnis: „Ich war bis dahin auch als Arbeitgeber zu wenig aufgeschlossen, um die Situation der Mitmenschen verständnisvoll mitzuerleben, zu engherzig und selbstbezogen“. (Rudolf Kreutzer, in: Meine Ziele – ein Unternehmerschicksal in bewegter Zeit, München 1967)

Clara Kreutzer (1896–1992)

Clara Herberg kam wie Rudolf Kreutzer ebenfalls in Nürnberg zur Welt. Der aus Wuppertal stammende Vater hatte im Nürnberger Stadtteil St. Peter eine Feilenfabrik erworben. Als Clara 11 Jahre alt war, zog die Familie nach Nürnberg–Zerzabelshof, damals ein „Dorf am Stadtrand“, wie sie in ihren Lebenserinnerungen schreibt. „Äußere und innere Einsamkeit begleiteten mich durch meine ganze Jugendzeit… Ich sprach mit Blumen und Tieren…, schließlich mit meinem eigenen Innern“. Hier liegt die Wurzel ihres großen „Bildungshungers“, der sie schließlich zur Anthroposophie führte.

Die erste „wirkliche Begegnung“ mit Rudolf Kreutzer fand zu Ostern 1921 statt „und zwar in einem Gespräch, das seinen Ausgang von meiner inneren Bindung an die Anthroposophie nahm. Mein Gesprächspartner erschrak, wehrte ab“. Bereits im November 1921 heirateten die beiden. (Clara Kreutzer, Starke Einheit in der freien Vielheit, Stuttgart, 1986)

Clara Kreutzer widmete ihr Leben der anthroposophischen Arbeit. So übernahm sie 1932 die Leitung des Nürnberger Carl Unger–Zweiges der Anthroposophischen Gesellschaft. Sie hatte wesentlichen Anteil am Wiederaufbau der Anthroposophischen Gesellschaft nach 1945 und sorgte für den geistigen Aufbau des Arbeitszentrums Nürnberg ebenso wie für den materiellen durch große Schenkungen.

Soziale Ökonomie
Impulse für zeitgemäße und soziale Unternehmensstrukturen

In einer Zeit, da Unternehmensführungen sich mehr und mehr anonymen Kapitalgebern und deren schrankenlosen Renditeerwartungen verpflichtet fühlen, nicht mehr aber ihre Unternehmen als Ganzheit aus Mensch, Produktion, Produktionsmitteln und Kapital verstehen, können Rudolf und Clara Kreutzer mit ihren Intentionen als leuchtendes Beispiel dienen.

Stiftungsgründung als erster Schritt in eine soziale Wirtschaft

So ging es ihnen darum, das Betriebskapital, das private Eigentum an den Produktionsmitteln, auf Dauer in eine neutrale Trägerschaft zu überführen; dafür bot sich die Rechtsform der Stiftung an. Die Stiftung sollte ihr Vermögen als Kommanditistin in der Fa. J. S. Staedtler gegen Verzinsung anlegen und zusätzlich einen Anteil vom Reingewinn erhalten. Damit wollten sie das Unternehmenskapital dem Zugriff von Einzelpersonen entziehen und gewährleisten, dass es unabhängig von Erbfolge und persönlichem Eigentum auf die jeweils fähigsten Unternehmensleiter übertragen wird, damit diese auf Zeit treuhänderisch darüber verfügen und zwar so frei wie möglich.

Erziehung und Bildung junger Menschen als Quelle der Produktivität

Gleichzeitig wollten die Stifter damit einen zunehmenden Anteil des Produktivitätsgewinns der Firma gezielt in die Erziehung und Bildung junger Menschen und in die Forschung lenken. Diesem Ansatz liegt die Aussage Rudolf Steiners zu Grunde, der die Formel verfasste: „Geld ist realisierter Geist“. Denn Ideen, Erfindungen und unternehmerische Fähigkeiten werden durch Menschen in das Wirtschaftsleben hineingetragen, die Potenziale dafür werden in den Schulen und Forschungsstätten entwickelt und immer wieder neu herangebildet. Ein lebendiges Geist– und Kulturleben ist also auch die Quelle wirtschaftlicher Produktivität. Daher ist es im Sinne eines organischen Geldflusses nur sachgerecht, dass Überschüsse aus wirtschaftlichen Unternehmen wieder als Stiftungsgelder in das Geistesleben als eigentliche Produktionsquelle fließen.

Erste Erfolge

„Das Stiftungswerk zeitigte folgende Ergebnisse: Neutralisierung des Geschäftskapitals, also des Eigentums an den Produktionsmitteln, Trennung von Arbeitseinkommen der Geschäftsleiter und Unternehmensertrag, Laufende, institutionell verankerte Förderung des Kulturlebens durch die Wirtschaft, Übergang der Geschäftsleitung durch Kooption an die berufensten Nachfolger.“

(Rudolf Kreutzer, in: Meine Ziele – ein Unternehmerschicksal in bewegter Zeit, München 1967, S. 113)